Küchenanpassung barrierefrei: Arbeitshöhen und Auszüge optimal planen
9 Januar 2026 0 Kommentare Tilman Fassbinder

Küchenanpassung barrierefrei: Arbeitshöhen und Auszüge optimal planen

Warum die richtige Arbeitshöhe in der Küche lebenswichtig ist

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Rollstuhl und wollen einen Topf auf den Herd stellen. Der Herd ist zu hoch. Sie müssen sich weit nach vorne lehnen, um den Griff zu erreichen - und dabei droht Ihnen das Gleichgewicht zu verlieren. Oder Sie wollen die Spüle benutzen, aber Ihre Arme können nicht bis runterreichen, ohne Schmerzen zu bekommen. Das ist keine Seltenheit. In Deutschland leben über 7,6 Millionen Menschen mit schwerer Behinderung, und viele von ihnen brauchen eine Küche, die wirklich funktioniert - nicht nur aussieht. Die barrierefreie Küche ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Selbstständigkeit im Alltag. Und der Schlüssel dazu liegt in zwei Dingen: der richtigen Arbeitshöhe und den passenden Auszügen.

Die perfekte Arbeitshöhe: Keine Pauschalantwort, aber klare Richtwerte

Viele denken, eine barrierefreie Küche bedeutet einfach, alles niedriger zu machen. Das ist falsch. Die ideale Höhe hängt vom Körper des Nutzers ab. Für Rollstuhlfahrer gilt als Standard: 82 Zentimeter. Das ist nicht willkürlich. Die Technische Hochschule Darmstadt hat das in einer Studie aus dem Jahr 1991 ermittelt - und bis heute ist das der Goldstandard. Warum genau 82 cm? Weil bei dieser Höhe die Unterarme waagerecht liegen, wenn die Hände auf der Arbeitsplatte ruhen. Das vermeidet Schulter- und Rückenbelastung.

Aber Achtung: Das ist nur ein Ausgangspunkt. Wer 165 cm groß ist, braucht eine Höhe von etwa 88,5 cm. Wer 185 cm misst, kommt mit 100,6 cm besser zurecht. Die Faustregel: Die Arbeitshöhe entspricht der Sitzhöhe des Nutzers plus 15 bis 20 cm. Das bedeutet: Bevor Sie eine Küche planen, müssen Sie die Sitzhöhe des Nutzers exakt messen. Ein Küchenplaner, der das nicht tut, plant nicht barrierefrei - er plant nach Schema F.

Und dann kommt die Beinfreiheit. Mindestens 67 cm muss unter der Arbeitsplatte frei sein - besser sind 69 cm. Viele Hersteller geben 67 cm an, aber wenn die Fußleiste oder die Unterkonstruktion zu dick ist, bleibt plötzlich nur noch 62 cm. Dann sitzt der Rollstuhl nicht mehr richtig drunter. Das ist kein kleiner Fehler - das ist eine gescheiterte Küche. Prüfen Sie immer die tatsächliche, lichte Höhe unter dem Möbel, nicht nur die Angabe auf dem Prospekt.

Teleskopauszüge: Der unsichtbare Held der barrierefreien Küche

Schranktüren öffnen? Schwierig, wenn man nur die Arme bewegen kann. Und wenn man sie öffnet, reicht die Reichweite oft nicht bis nach hinten. Hier kommen Teleskopauszüge ins Spiel. Diese Schubladen gleiten vollständig heraus - bis zu 30 cm weiter als normale Auszüge. Das ist kein kleiner Vorteil, das ist ein Lebensunterschied. Stellen Sie sich vor: Sie können alle Töpfe, Gewürze und Besteck aus der unteren Schublade erreichen, ohne jemanden um Hilfe bitten zu müssen. Kein Kriechen, kein Umstellen, kein Frust.

Die Marktführer sind Blum mit der Serie Tandembox und Hettich mit Quadro. Beide bieten stabile, leise laufende Systeme, die bis zu 50 kg tragen. Ein solcher Auszug kostet zwischen 150 und 300 Euro pro Schublade - doppelt so viel wie ein normaler. Aber der Nutzen? Unberechenbar. Eine Umfrage des Deutschen Seniorenrates zeigt: 65 % der Nutzer bevorzugen Teleskopauszüge klar gegenüber Schranktüren. Ein Nutzer auf Reddit schreibt: „Die Teleskopauszüge von Blum sind das Beste, was mir passieren konnte - ich kann jetzt alle Utensilien selbst erreichen, ohne um Hilfe bitten zu müssen.“

Und sie sind nicht nur für Rollstuhlfahrer nützlich. Auch ältere Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit profitieren. Wenn die Knie nicht mehr so gut biegen, ist es einfacher, die Schublade komplett rauszuziehen und alles vor sich zu haben - statt sich nach hinten zu strecken und dabei etwas umzustoßen.

Vollständig ausgezogene Teleskop-Schublade mit Kochutensilien, mechanisches System sichtbar.

Höhenverstellbare Arbeitsplatten: Die Zukunft ist elektrisch

Was, wenn Ihre Mobilität im Laufe der Zeit nachlässt? Oder wenn mehrere Menschen in der Wohnung leben - einer im Rollstuhl, einer mit gesunden Beinen? Dann brauchen Sie eine Arbeitsplatte, die sich anpasst. Elektrisch höhenverstellbare Systeme von Herstellern wie Husfeldt oder Hummel bewegen sich zwischen 70 und 110 cm. Mit einem Knopfdruck passt sich die Küche an - egal ob Sie sitzen, stehen oder später auf einem Stuhl sitzen.

Die Technik dahinter ist einfach: Ein Motor, meist von Linak oder Festool, bewegt die Platte über Führungsschienen. Die Tragkraft liegt bei bis zu 100 kg - mehr als genug für Töpfe, Backofen und Küchenmaschine. Die Kosten? Zwischen 2.500 und 5.000 Euro für die ganze Arbeitsplatte. Ein teurer Teil. Aber: Eine Studie der TH Darmstadt zeigt, dass diese Systeme die Nutzungsdauer einer Küche um durchschnittlich 15 Jahre verlängern. Warum? Weil sie sich mit Ihnen verändern. Sie investieren nicht nur in eine Küche - Sie investieren in Ihre Unabhängigkeit für die nächsten 20 Jahre.

Und die Technik wird besser. Im März 2024 hat Linak den neuen DL15-Motor vorgestellt - leiser, energieeffizienter, mit 35 % geringeren Stromkosten. Das macht die Technik nicht nur komfortabler, sondern auch nachhaltiger.

Was Sie sonst noch brauchen: Raum, Tür und Geräte

Barrierefreiheit ist mehr als Höhe und Auszug. Sie braucht Platz. Eine rollstuhlgerechte Küche braucht mindestens 150 × 150 cm Bewegungsfläche, damit Sie sich drehen können. Das ist nicht optional. Viele bestehende Wohnungen haben nur 12 m² Küche - das reicht nicht. Sie brauchen 15 bis 17 m². Wenn das nicht geht, müssen Sie umplanen: weniger Schränke, offenere Zonen, weniger Hindernisse.

Die Tür zur Küche muss mindestens 90 cm breit sein - lichtes Maß. Ein Rollstuhl ist 60 bis 70 cm breit, aber mit Armlehnen und dem nötigen Spielraum brauchen Sie 90 cm. Und die Geräte? Sie müssen in der Reichweite liegen: 40 bis 140 cm über dem Boden. Der Herd, die Spüle, der Backofen - alles muss von sitzend erreichbar sein. Keine Geräte auf dem Boden, keine hohen Regale über dem Herd. Alles, was Sie brauchen, muss in Griffweite sein.

Höhenverstellbare Arbeitsplatte senkt sich elektrisch, zwei Nutzer beobachten die Anpassung.

Die häufigsten Fehler - und wie Sie sie vermeiden

Ein Küchenplaner mit 25 Jahren Erfahrung, Stefan Wagner, sagt: „Die meisten barrierefreien Küchen scheitern nicht an der Technik, sondern an der Planung.“

  • Zu geringe Bewegungsfläche: Unter 140 × 140 cm ist es gefährlich. Sie können sich nicht mehr drehen - und das ist ein Sturzrisiko.
  • Unzureichende Beinfreiheit: 67 cm sind das Minimum. Wenn die Fußleiste oder die Unterkonstruktion zu dick ist, wird es eng. Prüfen Sie die lichte Höhe - nicht die Angabe des Herstellers.
  • Herdkochfeld zu hoch: Über 80 cm ist es für Rollstuhlfahrer kaum noch möglich, Töpfe zu sehen oder zu rühren. Das ist kein Luxusproblem - das ist ein Sicherheitsproblem.
  • Keine elektrische Verstellung: Wenn Sie nur eine feste Höhe planen, haben Sie die Zukunft ignoriert. Ihre Bedürfnisse werden sich ändern.

Kosten und Förderung: Was kostet eine barrierefreie Küche?

Eine vollständig barrierefreie Küche kostet zwischen 12.000 und 25.000 Euro - je nach Ausstattung. Der größte Posten: die höhenverstellbare Arbeitsplatte (2.500-5.000 €), dann die Teleskopauszüge (150-300 € pro Schublade), dann der Platzbedarf und die Umgestaltung.

Aber: Sie müssen das nicht allein bezahlen. Seit Januar 2024 gibt es von der KfW-Bankengruppe Zuschüsse von bis zu 6.500 Euro für barrierefreie Küchenumbauten - unter dem Programm „Altersgerecht Umbauen“. Voraussetzung: Die Maßnahme muss von einem Fachmann geplant und dokumentiert werden. Und die Förderung gilt auch für bestehende Wohnungen - nicht nur für Neubauten.

Der Markt wächst: 2023 wurden barrierefreie Küchenlösungen für 487 Millionen Euro verkauft - ein Plus von 8,7 % gegenüber 2022. Die Nachfrage steigt, weil die Bevölkerung älter wird. Bis 2040 wird fast jeder dritte Deutsche über 65 sein. Wer heute plant, plant für die Zukunft - und nicht nur für sich selbst.

Was kommt als Nächstes? Smarte Küchen und neue Normen

Die nächste Entwicklung? Küchen, die mit der Stimme gesteuert werden. Statt Knöpfe zu drücken, sagen Sie: „Höhe runter“ - und die Arbeitsplatte senkt sich. Die Arbeitsgemeinschaft Moderne Küche (AMK) hat im Januar 2024 eine neue Software vorgestellt, die mit 3D-Scans Ihre Körpermaße erfasst und automatisch die perfekte Höhe berechnet. Das ist kein Science-Fiction - das ist heute schon möglich.

Und die DIN 18040-2 wird 2024 überarbeitet. Die neue Version wird klare Regeln für Smart-Home-Integration enthalten. Das bedeutet: Barrierefreiheit wird nicht nur mechanisch, sondern auch digital. Die Zukunft ist vernetzt - und sie ist zugänglich.