Statikprüfung bei Umbauten: Was Bauamt und Bank wirklich verlangen
10 Februar 2026 0 Kommentare Tilman Fassbinder

Statikprüfung bei Umbauten: Was Bauamt und Bank wirklich verlangen

Warum Sie bei jedem Umbau eine Statikprüfung brauchen - und warum Sie sie nicht ignorieren dürfen

Ein neues Fenster einbauen, eine Wand rausreißen, ein Dach ausbauen - das klingt erst mal wie ein simples Heimwerkerprojekt. Doch hinter jeder Veränderung an einem Gebäude verbirgt sich ein komplexes System aus Lasten, Kräften und Materialien. Wenn Sie an der Statik Ihres Hauses rütteln, gefährden Sie nicht nur die Stabilität, sondern auch Ihre Finanzierung und Ihre Genehmigung. Das Bauamt prüft, ob Ihr Umbau sicher ist. Die Bank prüft, ob Ihr Haus noch wertvoll ist. Und beide verlangen denselben Nachweis: den Standsicherheitsnachweis.

Was genau ist ein Standsicherheitsnachweis beim Umbau?

Es ist kein bloßes Formular. Es ist eine detaillierte, rechnerische Dokumentation, die beweist: Nach Ihrem Umbau bleibt das Gebäude sicher. Das bedeutet: Alle tragenden Elemente - Wände, Decken, Träger, Fundamente - können die neuen Lasten tragen, die durch Ihren Umbau entstehen. Das gilt für Gewicht, Wind, Schnee, Erdbeben und sogar Feuer. Die Berechnungen orientieren sich an den Eurocodes (DIN EN 1990 bis DIN EN 1999), die seit 2010 in ganz Deutschland verbindlich sind. Alte DIN-Normen wie DIN 1055 gelten nicht mehr. Und wenn Sie einen Statiknachweis aus den 90ern vorlegen, wird er abgelehnt.

Warum reicht die alte Statik nicht mehr aus?

Viele Hausbesitzer denken: „Mein Haus ist schon 30 Jahre alt, da gab’s doch eine Statik.“ Stimmt. Aber diese Statik wurde nach damaligen Regeln erstellt. Heute gibt es strengere Vorschriften. Schneelasten sind in vielen Regionen um 15 bis 25 Prozent höher als vor zehn Jahren. Erdbebenrisiken werden in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen nun explizit berechnet - früher war das kaum ein Thema. Und die Materialien? Holz, Beton, Stahl - sie verändern sich mit der Zeit. Feuchtigkeit, Schimmel, Risse, Korrosion. Ein Statiker muss das alles berücksichtigen. Deshalb ist eine alte Statik oft nur ein Hinweis, kein Nachweis. Sie kann sogar schaden, wenn man sie als Grundlage nimmt. Das Bauamt lässt sie heute oft von externen Prüfern überprüfen. In München wurde ein Dachausbau wegen einer veralteten Statik sechs Wochen verzögert. Ein Fall, der nicht einmal selten ist.

Was braucht ein Statiker für einen Umbau?

Ein Statiker braucht mehr als eine Skizze. Er braucht Beweise. Und die liegen oft nicht mehr vor. Bei Häusern älter als 40 Jahren sind die originalen Bauunterlagen in 68 Prozent der Fälle verschwunden. Was tun? Erstens: Holen Sie alle Unterlagen vom Bauamt. Bauanträge von früheren Renovierungen, alte Pläne, Fotos von Baustellen. Zweitens: Machen Sie Bauteilöffnungen. Nur durch kleine Ausschnitte in Wänden oder Decken können Sie sehen, wie die Träger wirklich verlegt sind, wie dick die Balken sind, wo die Stahlträger liegen. Drittens: Nutzen Sie moderne Methoden. Die Deutsche Gesellschaft für Statik und Dynamik (DGSD) empfiehlt seit 2023 minimalinvasive Techniken wie Laserscans oder thermografische Aufnahmen, um Konstruktionen sichtbar zu machen, ohne große Löcher zu schlagen. Viertens: Lassen Sie den Boden prüfen. Der Grundwasserspiegel, die Bodenbeschaffenheit - das ändert sich mit der Zeit. Bei Gebäuden über 30 Jahren ist eine Bodenuntersuchung heute Standard.

3D-BIM-Modell eines Gebäudes mit farblich gekennzeichneten Belastungszonen durch Schnee, Wind und Erdbeben.

Was verlangt das Bauamt wirklich?

Die Regeln variieren von Bundesland zu Bundesland. In Berlin, Brandenburg und Hessen ist für jedes Bauprojekt eine Statik Pflicht. In anderen Ländern gilt das nur bei komplexeren Umbauten. Aber: Wenn Sie eine tragende Wand entfernen, ein Geschoss aufstocken, eine Dachterrasse bauen - dann ist es immer prüfpflichtig. In Nordrhein-Westfalen steht das klar in der BauO NRW 2018: Jede Änderung des statischen Systems muss nachgewiesen werden. In Bayern greift die BauPrüfVO. Hier wird anhand eines Kriterienkatalogs entschieden - und bei fast allen Umbauten, die mehr als nur ein neues Fenster beinhalten, wird die Statik verlangt. Die Digitalisierung schreitet voran: Seit 2023 gibt es in Bayern den „Digitalen Bauantrag“ mit Online-Assistenten. Seit November 2024 müssen bei Gebäuden ab 13,5 Metern Höhe sogar digitale Modelle mit BIM-Methoden eingereicht werden. Das ist kein Trend, das ist die Zukunft. Und wer nicht mitgeht, wird abgelehnt.

Warum verlangen Banken den Nachweis?

Die Bank will kein Risiko. Wenn Ihr Haus nach dem Umbau instabil wird, ist es weniger wert. Und wenn es einstürzt? Dann ist Ihr Kredit wertlos. Deshalb verlangen Banken den Standsicherheitsnachweis - und zwar schon vor der Auszahlung. Die Deutsche Kreditbank (DKB) verlangt ihn ab 250.000 Euro Finanzierungssumme. Sparkassen bei 150.000 Euro. Die Commerzbank hat ihre Regeln im März 2024 verschärft: Bei Dachausbauten oder Aufstockungen ab drei Metern Höhe ist er Pflicht. Und die KfW? Für Förderprogramme wie „Energieeffizient Sanieren“ (Programm 151/152) muss der Nachweis maximal zwei Jahre alt sein. Kein altes Papier. Keine unvollständigen Pläne. Ein aktueller, geprüfter, unterschriebener Nachweis. Sonst gibt’s kein Geld.

Wie viel kostet eine Statikprüfung für einen Umbau?

Die Kosten hängen von der Komplexität ab. Einfache Innenausbauten? 800 Euro. Ein neues Treppenhaus? 2.500 Euro. Eine Aufstockung? Bis zu 12.500 Euro. Laut einer Studie der Bundesarchitektenkammer (2024) liegt der Median bei 2.800 Euro. Aber: Bei Umbauten an Bestandsbauten kommen oft Aufschläge von 20 bis 30 Prozent dazu. Warum? Weil der Statiker nicht einfach von einer neuen Baustelle ausgeht, sondern einen alten, unklaren Zustand untersuchen muss. Das kostet Zeit. Und Zeit kostet Geld. Die Honorare richten sich nach der HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure). In Leistungsphase 3 liegen sie zwischen 1,5 und 3,5 Prozent der Baukosten. Wenn Ihr Umbau 100.000 Euro kostet, zahlen Sie also 1.500 bis 3.500 Euro für die Statik. Das klingt viel - aber im Vergleich zu den Kosten einer Nachbesserung? Da zahlen Sie durchschnittlich 18.500 Euro. Die Technische Universität München hat das 2023 berechnet. Besser, die Statik vorher zu machen.

Bauinspecteur prüft einen digitalen Baugenehmigungsantrag bei Abendlicht, Kran hebt neue Dachbalken hoch.

Was passiert, wenn Sie ohne Statik bauen?

Wenn Sie ohne Genehmigung bauen, riskieren Sie: Bußgelder, Abriss, Rückerstattung der Fördermittel, Verlust der Versicherung. Aber auch wenn Sie genehmigt haben und später eine Statik nachreichen müssen, ist es oft zu spät. Die Bauaufsicht kann den Bau stilllegen. Die Bank kann die Auszahlung stoppen. Und wenn ein Nachbar einen Riss in seiner Wand entdeckt, weil Sie eine tragende Wand entfernt haben? Dann haften Sie persönlich - mit Ihrem gesamten Vermögen. Es gibt keinen „nur ein bisschen umbauen“. Jede Veränderung an der Statik ist ein Eingriff in das Tragwerk. Und das hat Konsequenzen.

Was Sie jetzt tun sollten

  • Bevor Sie einen Architekten beauftragen: Holen Sie alle alten Bauunterlagen vom Bauamt. Fragen Sie nach Bauanträgen, Bauplänen, Sanierungsbescheiden.
  • Bevor Sie mit dem Bau beginnen: Beauftragen Sie einen staatlich anerkannten Statiker. Nicht einen „Kumpel“, der mal was gebaut hat. Einen echten Tragwerksplaner mit Prüfzulassung.
  • Bevor Sie die Bank kontaktieren: Stellen Sie sicher, dass der Nachweis nach Eurocodes erstellt wurde und maximal zwei Jahre alt ist.
  • Bevor Sie den Bauantrag einreichen: Prüfen Sie, ob Ihr Bundesland digitale Einreichung verlangt. Bayern und NRW sind vorne - andere folgen.
  • Bevor Sie eine Wand rausreißen: Machen Sie ein Foto. Machen Sie eine Skizze. Und fragen Sie den Statiker: „Ist das tragend?“

Die Zukunft: Digitalisierung und Klimaänderungen

2027 werden 60 Prozent aller Standsicherheitsnachweise digital erstellt. BIM-Modelle, digitale Zwillinge, 3D-Scans - das wird Standard. Aber es gibt noch einen anderen Trend: Der Klimawandel. Schneelasten steigen. Windlasten werden stärker. In Regionen, die früher nie betroffen waren, müssen jetzt auch Nachweise für Stürme und starke Regenfälle erbracht werden. Die DGSD hat 2024 neue Richtwerte veröffentlicht. Und die Bauordnungen passen sich an. Was gestern noch „normal“ war, ist heute nicht mehr ausreichend. Wer heute nicht mitdenkt, baut morgen ab.

Was Sie nicht vergessen dürfen

Beim Kauf eines alten Hauses: Fordern Sie die Statik. 42 Prozent der Käufer stoßen auf fehlende oder unvollständige Unterlagen. Kein Verkäufer ist verpflichtet, sie herauszugeben. Aber wenn Sie sie nicht haben, können Sie später nicht umbauen - oder nur mit hohen Kosten. Und wer weiß, ob der vorige Besitzer eine tragende Wand rausgerissen hat? Ohne Dokumentation bleibt das ein Risiko. Besser: Ein Statiker prüft vor dem Kauf. Das kostet ein paar hundert Euro. Aber es spart Ihnen später Tausende.