Stellen Sie sich vor, Ihre Heizung läuft wie ein Auto mit angezogener Handbremse. Sie geben Gas, aber kommen nicht richtig voran. Genau das passiert bei vielen Heizungen mit zu hoher Vorlauftemperatur. Die Vorlauftemperatur ist die Temperatur des Wassers, das vom Kessel oder der Wärmepumpe in Ihre Heizkörper oder Fußbodenheizung fließt. Wenn sie zu hoch eingestellt ist, verbrauchen Sie unnötig viel Energie - und zahlen dafür mehr. Die gute Nachricht: Sie können das einfach ändern. Und zwar ohne neue Heizung, ohne große Renovierung. Nur durch gezielte Einstellungen.
Warum die Vorlauftemperatur so wichtig ist
Die Vorlauftemperatur bestimmt, wie viel Wärme Ihr Heizsystem abgibt. Früher, in Altbauten ohne Dämmung, musste das Heizwasser bei 70 bis 80 Grad Celsius laufen, damit die Räume warm wurden. Heute, mit moderner Dämmung und Fenstern, reichen oft nur 35 bis 45 Grad. Jedes Grad, das Sie senken, spart Energie. Laut Ress.de (2023) steigt die Effizienz Ihrer Heizung um 2,5 Prozent pro Grad Absenkung. Bei einer Wärmepumpe kann das sogar noch mehr sein: fünf Grad weniger Vorlauftemperatur senken die Stromkosten um bis zu 15 Prozent.
Warum? Weil Wärmepumpen und Brennwertkessel effizienter arbeiten, wenn sie nicht mit hohen Temperaturen kämpfen müssen. Ein Brennwertkessel nutzt erst dann die volle Kondensationswärme, wenn das Rücklaufwasser unter 54 Grad abkühlt. Eine Wärmepumpe muss weniger Strom verbrauchen, um warmes Wasser bei 40 Grad zu erzeugen als bei 55 Grad. Das ist wie der Unterschied zwischen Fahrrad fahren mit und ohne Gegenwind.
Die größte Falle: Zu hohe Vorlauftemperatur im Altbau
Viele Hausbesitzer denken: „Mein Haus ist alt, da muss die Temperatur hoch sein.“ Das stimmt nicht immer. Wenn Ihre Heizkörper klein sind oder nicht richtig verteilt sind, dann fühlen sich die Räume kalt an - aber die Ursache liegt nicht an der Temperatur, sondern an der Verteilung. Ein hydraulischer Abgleich ist die Grundlage. Ohne ihn bleibt das Heizwasser in den nahen Heizkörpern stecken und die entfernten Zimmer bleiben kalt. Die Folge? Sie drehen die Vorlauftemperatur hoch, um das Dachgeschoss zu erwärmen - und verschwenden Energie im Erdgeschoss.
Ein hydraulischer Abgleich sorgt dafür, dass jedes Heizkörper genau die Menge Wasser bekommt, die es braucht. Das kann bis zu 15 Prozent Energie sparen - allein durch das Ausgleichen der Strömung. Laut VDI (2023) ist das die wichtigste Voraussetzung, bevor Sie die Vorlauftemperatur senken. Sonst machen Sie nur das Problem größer.
Heizkurve anpassen: Flach ist besser
Die Heizkurve ist die Einstellung, die sagt: „Bei welcher Außentemperatur soll die Vorlauftemperatur wie hoch sein?“ Ein steiler Verlauf bedeutet: Bei -10 Grad Außentemperatur läuft die Vorlauftemperatur bei 70 Grad. Ein flacher Verlauf: Bei -10 Grad nur 45 Grad. Je besser Ihr Haus gedämmt ist, desto flacher kann die Kurve sein.
Bei einem Neubau oder einem gut gedämmten Altbau reicht oft eine Heizkurve von 1,0 bis 1,5. Bei einem schlecht gedämmten Haus mag man 2,0 bis 2,5 brauchen. Aber selbst dann: Probieren Sie es mit 1,8. Senken Sie die Kurve um 0,1 pro Woche. Beobachten Sie die Raumtemperatur. Wenn es nicht kälter wird, ist die Einstellung optimal. Die meisten Hausbesitzer stellen die Kurve zu steil ein - aus Angst, es könnte kalt werden. Dabei führt eine zu steile Kurve oft zu Überhitzung und unnötigem Verbrauch.
Flächenheizung vs. Heizkörper: Was passt zu Ihnen?
Wenn Sie eine Fußbodenheizung haben, ist die Vorlauftemperatur idealerweise zwischen 30 und 35 Grad. Das ist die perfekte Temperatur für eine Wärmepumpe. Sie läuft dann mit einer Jahresarbeitzahl (COP) von 5 oder mehr - das ist Spitzenleistung. Bei konventionellen Heizkörpern ist es komplizierter. Kleine Heizkörper brauchen höhere Temperaturen, um genug Wärme abzugeben. Wenn Ihre Heizkörper aus den 70er-Jahren stammen, dann reichen sie bei 40 Grad nicht aus.
Die Lösung? Austauschen. Moderne Low-Temperature-Heizkörper wie der PowerKon LT von Kampmann oder Niva von Vasco arbeiten bei 35 Grad Vorlauftemperatur effizient - und das ohne Fußbodenheizung. Sie haben eine größere Fläche, mehr Rippen, bessere Wärmeübertragung. Ein solcher Austausch lohnt sich, wenn Sie ohnehin renovieren. Die Investition amortisiert sich in 5-7 Jahren durch geringere Strom- oder Gasrechnungen.
Praktische Schritte: So machen Sie es richtig
Die meisten Fehler passieren, weil Leute einfach die Temperatur runterdrehen - ohne Vorbereitung. Hier ist der richtige Weg:
- Hydraulischen Abgleich durchführen. Lassen Sie einen Fachmann prüfen, ob alle Heizkörper gleichmäßig warm werden. Das kostet 200-400 Euro, aber BAFA fördert bis zu 20 Prozent davon.
- Heizkurve prüfen und flacher stellen. Reduzieren Sie die Kurve um 0,2 Einheiten. Warten Sie drei Tage. Messen Sie die Raumtemperatur in jedem Raum mit einem einfachen Thermometer.
- Prüfen Sie die Rücklauftemperatur. Viele Heizungen haben einen Rücklaufsensoren - aber niemand schaut hin. Wenn das Rücklaufwasser über 55 Grad bleibt, läuft Ihr Brennwertkessel nicht im Kondensationsmodus. Das ist wie ein Elektroauto, das nur mit 50 Prozent Akku fährt.
- Stellen Sie konstante Raumtemperaturen ein. 20-22 Grad sind ideal. Nachtabsenkung bei Wärmepumpen macht oft mehr kaputt als sie nutzt - denn morgens muss die Anlage wieder hochfahren und verbraucht dann mehr Strom.
- Lüften Sie richtig. Stoßlüften, nicht gekippte Fenster. Bei gekippten Fenstern kühlt die Luft langsam ab, die Heizung läuft ständig und verbraucht Energie, um die Temperatur wieder hochzubringen.
Was passiert, wenn Sie es falsch machen?
Ein Nutzer auf Hausforum.de berichtet: „Nachdem ich die Heizkurve auf Stufe 1 gestellt hatte, waren die Räume im Dachgeschoss kalt, obwohl die Vorlauftemperatur laut Display passte.“ Warum? Weil er keinen hydraulischen Abgleich gemacht hatte. Die Heizkörper im Dachgeschoss bekamen zu wenig Wasser - und die Temperatur war zu niedrig, um sie zu erwärmen.
Ein weiteres Problem: Die Rücklauftemperatur wird nie gemessen. Ein Heizungsinstallateur aus Graz sagt: „In 60 Prozent der Fälle, die ich prüfe, ist die Vorlauftemperatur zu hoch - einfach weil niemand die Rücklauftemperatur kontrolliert.“ Ohne diese Messung wissen Sie nicht, ob Ihre Heizung wirklich effizient läuft.
Und dann gibt es noch die Angst: „Wenn ich die Temperatur senke, wird es kalt.“ Das ist oft eine Illusion. Die meisten Menschen fühlen sich kalt, weil die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist oder weil sie die Heizkörper mit Möbeln verdecken. Machen Sie den Test: Senken Sie die Temperatur um 2 Grad, und beobachten Sie drei Tage. Sie werden überrascht sein, wie wenig Sie es merken.
Wie viel sparen Sie wirklich?
Bei einer Wärmepumpe mit zu hoher Vorlauftemperatur von 55 Grad statt 45 Grad verbrauchen Sie bis zu 25 Prozent mehr Strom. Das sind bei einem Jahresverbrauch von 5.000 kWh fast 1.250 kWh mehr - das entspricht etwa 400 Euro pro Jahr. Wenn Sie die Vorlauftemperatur auf 40 Grad senken, sparen Sie 200-400 Euro jährlich.
Bei einer Gasheizung ist der Effekt geringer, aber immer noch spürbar. Eine Absenkung von 70 auf 55 Grad spart 10-15 Prozent Gas - das sind bei 2.000 Liter Heizöl pro Jahr 200-300 Liter. Und das ohne neue Heizung, ohne Dämmung, nur durch Einstellung.
Im Vergleich: Eine neue Fassadendämmung kostet 20.000 Euro und spart 30 Prozent Energie. Die Vorlauftemperaturoptimierung kostet 300 Euro und spart 15-25 Prozent. Das ist der beste ROI, den Sie in Ihrer Heizung haben.
Die Zukunft: Digitalisierung und Gesetz
Ab 2025 schreibt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) vor: Alle zehn Jahre muss eine Heizung optimiert werden. Das bedeutet: Hydraulischer Abgleich, Heizkurvenanpassung - das wird Pflicht. Wer jetzt handelt, spart nicht nur Geld, sondern vermeidet späteren Aufwand.
Und die Technik wird immer intelligenter. Systeme wie tado° oder rewatt passen die Vorlauftemperatur automatisch an - basierend auf Wettervorhersagen, Ihrer Anwesenheit und der Außentemperatur. Eine Studie von BetterSpace360 (2024) zeigt: Diese Systeme sparen weitere 5-10 Prozent gegenüber manueller Einstellung. Sie lernen mit der Zeit, wie Ihr Haus funktioniert. Und sie schalten die Heizung nicht einfach ab, wenn Sie weg sind - sie halten sie auf einem niedrigen, effizienten Level.
Die Internationale Energieagentur (IEA) sagt: Die Kombination aus niedriger Vorlauftemperatur und erneuerbaren Energien ist der Schlüssel zur Dekarbonisierung der Heizung. Das ist nicht nur gut für die Umwelt - es ist auch die wirtschaftlich klügste Entscheidung für Hausbesitzer heute.
Was Sie jetzt tun können
Prüfen Sie Ihre Heizkurve. Schauen Sie auf das Display Ihrer Heizung. Was steht da? Wenn es über 2,0 ist, ist es zu steil. Prüfen Sie, ob Ihre Heizkörper warm werden - besonders die entfernten. Wenn nicht, brauchen Sie einen hydraulischen Abgleich. Holen Sie sich ein Angebot. Die Förderung von BAFA ist noch verfügbar. Machen Sie es jetzt - nicht nächstes Jahr. Denn jede Woche, in der Ihre Heizung zu heiß läuft, kostet Sie Geld. Und die Energiepreise werden nicht sinken.
Senken Sie die Temperatur. Langsam. Mit Messung. Mit Geduld. Und Sie werden sehen: Es wird nicht kälter. Es wird nur günstiger.
Wie viel kann ich durch Senken der Vorlauftemperatur sparen?
Bei einer Wärmepumpe sparen Sie 5-15 Prozent Stromkosten, wenn Sie die Vorlauftemperatur um fünf Grad senken. Bei einer Gasheizung sind es 10-25 Prozent Energieeinsparung, wenn Sie von 70 auf 50 Grad reduzieren. Das entspricht 200-400 Euro pro Jahr bei einer durchschnittlichen Heizung.
Darf ich die Vorlauftemperatur einfach selbst senken?
Ja, aber nur, wenn Ihr Heizsystem hydraulisch abgeglichen ist. Sonst führt eine Absenkung dazu, dass einige Räume kalt bleiben. Prüfen Sie zuerst, ob alle Heizkörper gleichmäßig warm werden. Wenn nicht, brauchen Sie einen Fachmann. Danach können Sie die Heizkurve selbst in kleinen Schritten anpassen - jeweils um 0,1 Einheiten, mit einer Wartezeit von drei Tagen.
Warum ist der hydraulische Abgleich so wichtig?
Ohne hydraulischen Abgleich fließt das Heizwasser nicht gleichmäßig. Die Heizkörper nahe am Kessel werden überhitzen, die weit entfernten bleiben kalt. Wenn Sie dann die Vorlauftemperatur erhöhen, um das Dachgeschoss zu erwärmen, verschwenden Sie Energie in den anderen Räumen. Der Abgleich sorgt dafür, dass jedes Heizkörper genau die Wärme bekommt, die es braucht - und nur dann kann die Vorlauftemperatur sicher gesenkt werden.
Brauche ich neue Heizkörper, um die Vorlauftemperatur zu senken?
Nicht unbedingt. Wenn Ihre Heizkörper groß genug sind und nicht verdeckt sind, reichen sie oft bei 40-45 Grad. Aber wenn sie klein, veraltet oder verdeckt sind, lohnt sich ein Austausch gegen moderne Low-Temperature-Heizkörper. Diese haben mehr Fläche und geben bei niedrigeren Temperaturen mehr Wärme ab. Das ist besonders sinnvoll, wenn Sie ohnehin renovieren.
Ist eine Fußbodenheizung nötig für niedrige Vorlauftemperaturen?
Nein, aber sie ist ideal. Fußbodenheizungen arbeiten optimal bei 30-35 Grad. Ohne sie können Sie trotzdem niedrige Temperaturen nutzen - wenn Sie moderne Heizkörper mit großer Fläche einbauen. Systeme wie der PowerKon LT oder Niva von Vasco sind dafür speziell entwickelt. Sie ermöglichen eine Jahresarbeitzahl von über 5 bei Wärmepumpen - auch ohne Fußbodenheizung.
Warum ist die Rücklauftemperatur wichtig?
Bei einem Brennwertkessel muss das Rücklaufwasser unter 54-57 Grad sinken, damit er die Kondensationswärme nutzt. Wenn das Rücklaufwasser zu warm bleibt, läuft der Kessel nur im konventionellen Modus - und Sie verlieren bis zu 15 Prozent Effizienz. Die Rücklauftemperatur zu messen, ist die einfachste Art, zu prüfen, ob Ihre Heizung wirklich effizient arbeitet.
Sollte ich die Nachttemperatur absenken?
Bei Wärmepumpen eher nicht. Wenn Sie die Temperatur nachts senken, muss die Wärmepumpe morgens wieder stark hochfahren - und das verbraucht mehr Strom, als Sie während der Nacht sparen. Besser ist: Eine konstante, niedrige Vorlauftemperatur und eine gleichmäßige Raumtemperatur von 20-22 Grad. Das ist effizienter und komfortabler.