Doppelflügel-Fenster im Altbau sanieren: Beschläge und Dichtung richtig austauschen
Ein Doppelflügel-Fenster im Altbau ist mehr als nur ein Fenster. Es ist ein Stück Geschichte. Diese Fenster, oft aus massivem Holz und mit schweren, handgefertigten Beschlägen, waren in Häusern vor 1970 Standard. Doch heute leiden sie unter Wärmeverlust, Zugluft und verschlissenen Dichtungen. Die Frage ist nicht, ob man sie sanieren sollte - sondern wie man es richtig macht, ohne die historische Substanz zu verlieren und trotzdem moderne Energieeffizienz zu erreichen.
Viele Hausbesitzer denken zuerst an einen kompletten Austausch. Doch wer ein denkmalgeschütztes Gebäude besitzt, hat oft gar keine Wahl. Selbst wenn nicht geschützt, lohnt sich die Sanierung, wenn die Rahmen noch stabil sind. Die Kosten für eine komplette Sanierung eines Fensters (120 x 140 cm) liegen zwischen 850 und 1.200 Euro - deutlich günstiger als ein Neukauf mit Einbau. Aber nur, wenn Beschläge und Dichtung richtig gewählt und montiert werden.
Warum Beschläge das Herzstück der Sanierung sind
Die alten Beschläge an Doppelflügel-Fenstern sind oft aus Messing oder Stahl, schwer und robust. Sie tragen Flügel, die zwischen 25 und 35 Kilogramm wiegen. Ein moderner Beschlag muss diese Last tragen - ohne die Optik zu ruinieren. Viele Nachbauten sehen aus wie Kunststoff und passen nicht zum Altbau.
Die Lösung: verstellbare Pendelbänder der Klasse 6 mit mindestens 40 kg Tragfähigkeit pro Band. Die Firma Roto Frank AG hat mit dem System "GE6 Historic" ein Produkt entwickelt, das genau das bietet: historische Optik, aber moderne Technik. Es erlaubt eine präzise Justierung der Flügel, sodass sie gleichmäßig auf die Dichtung drücken - kein Klemmen, kein Quietschen, keine Zugluft.
Wichtig: Die alten Beschläge nicht einfach abschrauben und neue einsetzen. Die Bohrungen sind oft abgenutzt. Die neuen Beschläge müssen exakt auf die alten Positionen abgestimmt werden. Eine Toleranz von mehr als 0,5 mm pro Meter Rahmenlänge führt dazu, dass die Flügel nicht mehr synchron laufen. Das ist bei Doppelflügel-Fenstern besonders kritisch - wenn einer schwerer öffnet als der andere, wird die Dichtung beschädigt.
Experten warnen: Wer hier spart, zahlt später. Zu schwache Beschläge führen zu Verformungen, schlechter Abdichtung und letztlich zu teuren Nachbesserungen. RAL-RG 614/1 schreibt für Sanierungen in historischen Gebäuden mindestens die Widerstandsklasse RC2 vor - das bedeutet, der Beschlag muss 300 Newton Kraft widerstehen, ohne zu brechen. Das ist kein Luxus, sondern Sicherheit.
Dichtung: Der entscheidende Faktor für Energieeffizienz
Die alte Dichtung - meist Filz oder einfacher Gummi - ist oft nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie lässt Luft und Feuchtigkeit durch. Die Dichtigkeit von Originaldichtungen liegt bei 40 bis 60 Prozent. Moderne Systeme erreichen 98 bis 99 Prozent.
Die richtige Dichtung ist dreifach: innen luftdicht, in der Mitte wärmedämmend, außen schlagregendicht. Aber hier liegt der große Fehler vieler Sanierungen: Die Dichtung wird einfach aufgeklebt, ohne auf die Laibung zu achten. In 65 Prozent der Altbauten sind die Fensterlaibungen schief oder uneben. Wenn die Dichtung nicht perfekt aufliegt, bleibt eine Lücke - egal wie teuer das Material ist.
Dipl.-Ing. Sarah Müller, Autorin des Standardwerks "Altbausanierung Fenster", betont: "Die Hauptdichtung muss immer in der Mitte der Flügel liegen. Nur so wird sichergestellt, dass beide Flügel gleichmäßig auf die Dichtung drücken, trotz unterschiedlicher Ausdehnungsraten von Holz und Rahmen."
Die Härte der Dichtung ist entscheidend: Für die Innenseite eignen sich Shore 50-60, für die Außenseite Shore 65-75. Zu weich, und sie verformt sich zu stark. Zu hart, und sie lässt sich nicht richtig verschließen. Die meisten Profis verwenden Silikon-Dichtungen mit integriertem Metallstreifen - das hält länger und verhindert, dass die Dichtung aus der Nut rutscht.
Ein häufiger Fehler: Die Laibung wird nicht gründlich gereinigt. Alte Farbe, Staub, Holzspäne - alles behindert die Klebekraft. In 37 Prozent der misslungenen Sanierungen liegt das Problem genau hier. Vor der Montage muss die Fläche mit einem Schleifer oder einer Drahtbürste aufgeraut und mit Reinigungsalkohol abgewischt werden.
Sanierung vs. Neuaustausch: Was ist wirklich sinnvoll?
Die Entscheidung zwischen Sanierung und Neuaustausch ist nicht leicht. Wer ein denkmalgeschütztes Haus besitzt, hat keine Wahl: Die Originalfenster müssen bleiben. Aber was, wenn das Gebäude nicht geschützt ist?
Ein saniertes Doppelflügel-Fenster erreicht einen Uw-Wert von 1,0 bis 1,3 W/(m²K). Das ist 40 bis 50 Prozent besser als das Original, aber 15 bis 20 Prozent schlechter als ein neues Isolierfenster mit 0,75 bis 0,95 W/(m²K). Der Luftwechsel liegt bei 0,8 bis 1,2 h⁻¹ - bei neuen Fenstern nur 0,3 bis 0,5 h⁻¹.
Die Energieberatung Bremen hat berechnet: Bei nicht geschützten Altbauten amortisiert sich ein kompletter Fensteraustausch nach 9,3 Jahren. Die Sanierung braucht 12,7 Jahre. Das klingt nach einem klaren Vorteil für den Neukauf. Doch es gibt einen Haken: Die laufenden Kosten. Sanierte Doppelflügel-Fenster mit komplexen Beschlägen brauchen mehr Wartung. Die meisten Hausbesitzer unterschätzen das.
Ein Beispiel: Ein Fenster mit modernen Pendelbändern und Dichtung hält 10 bis 15 Jahre, wenn es richtig eingebaut ist. Aber bei schiefen Laibungen oder falscher Justierung kann es nach 3 Jahren wieder undicht sein. Dann muss man wieder ran - und das kostet wieder Geld. Ein neues Fenster ist zwar teurer upfront, aber fast wartungsfrei.
Die Faustregel: Wenn das Holz noch fest ist, die Rahmen nicht verrottet sind und die Fenster in einem denkmalgeschützten Gebäude liegen - dann sanieren. Wenn nicht, und der Wärmebedarf hoch ist, lohnt sich der Neuaustausch.
Praktische Schritt-für-Schritt-Anleitung
- Bestandsaufnahme: Prüfe die Flügel auf Risse, Verrottung und Verformung. Mess die Dicke der Rahmen und die Breite der Dichtungsnut. Notiere den Zustand der alten Beschläge - sind sie verrostet, gebrochen, oder nur verschlissen?
- Beschläge wählen: Wähle verstellbare Pendelbänder der Klasse 6 mit mindestens 40 kg Tragfähigkeit. Achte auf historische Optik - Roto GE6 Historic, Siegenia Classic oder Winkhaus Altbau sind bewährte Lösungen.
- Laibung vorbereiten: Entferne alte Farbe, Staub und Dichtungsrückstände. Nutze eine Drahtbürste und Reinigungsalkohol. Falls die Laibung schief ist: Ausputzen oder mit Ausgleichsmasse auffüllen. Das ist der aufwändigste, aber wichtigste Schritt.
- Beschläge montieren: Bohre die neuen Löcher exakt über den alten. Nutze eine Bohrschablone. Setze die Beschläge ein und justiere die Flügel so, dass sie sich gleichmäßig öffnen und schließen. Toleranz: max. 0,5 mm pro Meter Rahmenlänge.
- Dichtung einbringen: Wähle dreifach wirkende Dichtung mit Shore 50-60 innen und Shore 65-75 außen. Klebe sie exakt in die Mitte der Flügel. Drücke sie fest an, aber nicht zu stark - sonst verformt sie sich.
- Testen: Schließe das Fenster und prüfe mit einer Kerze oder einem Rauchstift auf Zugluft. Öffne und schließe mehrmals - es darf kein Klemmen, kein Quietschen, kein Spiel geben.
Was schiefgehen kann - und wie du es vermeidest
Die häufigsten Fehler bei der Sanierung von Doppelflügel-Fenstern sind nicht technisch, sondern menschlich.
- Überdrehen der Schrauben: In 22 Prozent der Fälle brechen die Beschläge oder verziehen sich die Rahmen, weil die Schrauben zu fest angezogen wurden. Immer mit Handschrauber und Drehmomentbegrenzung arbeiten.
- Falsche Dichtungshärte: Eine zu weiche Dichtung drückt sich zu stark zusammen und verliert ihre Form. Eine zu harte lässt Luft durch. Halte dich an die Shore-Werte.
- Ignorieren der Laibung: 65 Prozent der Altbauten haben schiefen Laibungen. Wer das nicht behandelt, hat nach einem Jahr wieder Zugluft.
- Keine Justierung: Die Flügel müssen exakt parallel zueinander laufen. Sonst drückt einer zu stark, der andere zu wenig - und die Dichtung stirbt früh.
Professionelle Fensterbauer aus München berichten: In 70 Prozent der Fälle müssen sie die Laibung vorher ausputzen. Das erhöht den Zeitaufwand um 30 bis 40 Prozent. Wer das nicht macht, spart kurzfristig - und zahlt doppelt später.
Was sich 2025 ändert - und warum du jetzt handeln solltest
Die Branche verändert sich. Der Marktanteil der Doppelflügel-Fenster-Sanierungen sank von 18 Prozent 2020 auf 12 Prozent 2024. Die Tendenz ist klar: Wer nicht geschützt ist, tauscht aus. Doch für die, die bleiben, wird es teurer.
Im Januar 2025 liegt ein neuer Entwurf der DGfH-Leitlinie 114.1 vor. Er verlangt explizit, dass die mittlere Dichtebene bei Doppelflügel-Fenstern um 2-3 mm nach außen versetzt werden muss. Das ist eine Reaktion auf die Probleme mit Ausdehnung und Feuchtigkeit. Wer jetzt sanieren will, sollte auf diese neuen Standards achten - sonst muss er bald nachbessern.
Auch die Materialien verbessern sich. Fraunhofer IBP hat neue Beschlagmaterialien entwickelt, die Korrosion um 40 Prozent reduzieren. Das verlängert die Wartungsintervalle von 2 auf 3 Jahre. Ein großer Vorteil für langfristige Investitionen.
Die Botschaft ist einfach: Wenn du ein Doppelflügel-Fenster im Altbau sanierst, tust du nicht nur etwas für die Energiebilanz - du bewahrst ein Stück Kultur. Aber nur, wenn du es richtig machst. Beschläge und Dichtung sind kein Afterthought. Sie sind das Fundament. Und wenn die Grundlage bricht, bricht alles.
Kann ich alte Beschläge einfach restaurieren statt zu ersetzen?
Das ist möglich, aber nur bei sehr gut erhaltener Substanz. Wenn die Beschläge nicht verrostet, nicht gebrochen und nicht verformt sind, kann man sie reinigen, ölen und neu montieren. Doch moderne Pendelbänder bieten eine viel genauere Justierung und höhere Tragfähigkeit. Wer den historischen Wert bewahren will, kann auch neuere Beschläge mit historischem Design wählen - die sehen aus wie alt, funktionieren aber wie neu.
Welche Dichtung ist die beste für Doppelflügel-Fenster?
Die beste Dichtung ist eine dreifach wirkende Silikon-Dichtung mit integriertem Metallstreifen. Die Härte sollte innen Shore 50-60 und außen Shore 65-75 betragen. Achte darauf, dass sie speziell für Holzfenster und Altbau geeignet ist. Vermeide einfache Gummidichtungen - sie halten nicht länger als zwei Jahre.
Wie teuer ist eine Sanierung im Vergleich zu einem neuen Fenster?
Eine komplette Sanierung mit neuen Beschlägen und Dichtung kostet zwischen 850 und 1.200 Euro pro Fenster. Ein neues Isolierfenster mit Einbau liegt bei 1.400 bis 2.200 Euro. Die Sanierung ist also günstiger - aber nur, wenn die Rahmen noch gut sind. Wenn das Holz verrottet ist, wird der Neuaustausch die einzige sinnvolle Option.
Muss ich bei der Sanierung einen Denkmalschutzbeauftragten hinzuziehen?
Wenn das Gebäude denkmalgeschützt ist, ja. In Österreich und Deutschland ist die Zustimmung des Denkmalschutzes oft Pflicht, selbst wenn du nur die Beschläge und Dichtung wechselst. Nutze immer Materialien, die optisch originalgetreu sind. Fotografiere das Fenster vorher - das hilft bei der Genehmigung.
Warum läuft mein Doppelflügel-Fenster nach der Sanierung immer noch schlecht?
Das liegt meist an einer ungleichmäßigen Laibung oder falscher Justierung der Beschläge. Selbst wenn die Beschläge perfekt sind, schiefe Laibungen verhindern eine gleichmäßige Dichtung. Prüfe mit einer Wasserwaage, ob die Rahmen horizontal und senkrecht sitzen. Falls nötig: Die Laibung ausputzen. Das ist der häufigste Grund für Probleme - und oft der letzte, den Leute prüfen.
Lohnt sich die Sanierung bei einem sehr alten Fenster mit Rissen im Holz?
Nur, wenn die Risse oberflächlich sind und das Holz noch stabil ist. Tiefe Risse, Verrottung am unteren Rand oder holzzerstörende Insekten (wie Holzwürmer) sind ein Zeichen dafür, dass das Fenster nicht mehr zu retten ist. Dann ist ein Neuaustausch die einzige vernünftige Lösung - auch wenn das Fenster historisch wertvoll ist. Holz, das nicht mehr tragfähig ist, lässt sich nicht mit Kleber oder Spachtel retten.