Elektro-Altlasten erkennen: Stoffummantelungen, Porzellan und Bakelit als Warnsignale
1 Januar 2026 1 Kommentare Lisa Madlberger

Elektro-Altlasten erkennen: Stoffummantelungen, Porzellan und Bakelit als Warnsignale

Wenn du in einem Haus aus den 1950er oder 1960er Jahren wohnst, dann könnte in den Wänden etwas Verstecktes lauern - nicht nur Staub oder alte Kabel, sondern echte Elektro-Altlasten. Diese sind nicht immer sichtbar, aber sie sind da: in Form von Stoffummantelungen, Porzellanisolatoren oder Bakelit-Gehäusen. Sie sehen aus wie antike Technik, aber sie können giftig sein. Und du musst sie erkennen, bevor du renovierst, bohrst oder umziehst.

Was ist eine Elektro-Altlast?

Elektro-Altlasten sind alte elektrische Anlagen oder Bauteile, die heute als gefährlich gelten - nicht weil sie kaputt sind, sondern weil sie Schadstoffe enthalten. In den 1930er bis 1970er Jahren wurde in der Elektroinstallation oft mit Materialien gearbeitet, die heute verboten sind. Sie waren damals perfekt: billig, hitzebeständig, isolierend. Heute wissen wir: Sie enthalten PCB (polychlorierte Biphenyle), Asbest oder andere krebserregende Stoffe. Und diese Stoffe bleiben, selbst wenn das Kabel schon 50 Jahre lang nicht mehr unter Spannung steht.

Die größte Gefahr entsteht, wenn du diese Materialien beschädigst: bohrst, schneidest, abbaut. Dann werden die Giftstoffe als Staub oder Partikel freigesetzt. Und das atmen wir ein. Oder sie gelangen über die Haut. Das ist kein Theorie-Gespräch. In Österreich wurden in den letzten fünf Jahren mehr als 120 Sanierungsprojekte in Altbauten wegen PCB-Kontaminationen angestoßen - oft ausgelöst durch Renovierungen, bei denen alte Kabel oder Steckdosen berührt wurden.

Stoffummantelungen: Die unsichtbare Gefahr

Stoffummantelungen - das sind Kabel, die nicht aus Kunststoff, sondern aus Baumwolle oder Leinen umwickelt sind. Sie sehen aus wie alte Telefonkabel oder die Kabel in alten Radios. Sie sind meist braun, grau oder schwarz, und manchmal noch mit einem Fettüberzug überzogen. Das ist kein Schmutz - das ist ein Schutzmittel. Und genau dieses Fett enthält oft PCB.

PCB wurde bis 1977 in Österreich als Flammschutzmittel und Isoliermittel verwendet. Es hält die Kabel flexibel und schützt sie vor Feuchtigkeit. Aber PCB ist ein Endokriner Disruptor - es stört dein Hormonsystem. Es wird im Körper gespeichert, kann Leber- und Nervenschäden verursachen und ist als krebserregend eingestuft. Und es verändert sich nicht. Es bleibt da, wo es hingekommen ist.

Wie erkennst du so ein Kabel? Schau dir den Isolationsmantel an. Wenn er nicht glatt und plastisch wirkt, sondern faserig, weich, fast textil - dann ist es Stoffummantelung. Wenn du das Kabel sanft biegst, spürst du, dass es nicht so elastisch ist wie modernes PVC. Und wenn du es an einer Stelle leicht abnippst - Vorsicht! - dann siehst du oft metallene Leiterdrähte, die mit einer dicken, klebrigen, ölig wirkenden Masse umgeben sind. Das ist kein Schmiermittel. Das ist PCB.

Porzellan: Der unscheinbare Klassiker

Porzellan-Isolatoren findest du oft an Deckenleuchten, alten Sicherungskästen oder an der Wand, wo Kabel durch Bohrungen geführt wurden. Sie sehen aus wie kleine, weiße, glasierte Hüte oder Zylinder. Manchmal sind sie mit Metallklemmen oder Schrauben befestigt. Sie wirken stabil, fast edel. Aber sie sind nicht nur Isolatoren - sie sind auch Träger von Schadstoffen.

Die Metallteile, die diese Porzellan-Isolatoren halten, wurden oft mit PCB-haltigen Ölen geschmiert, um Korrosion zu verhindern. Und wenn du den Isolator entfernst, zum Beispiel weil du eine neue Lampe einbaust, dann kann sich dieses Öl lösen. Es tropft. Es verteilt sich. Und es bleibt in den Wänden, im Putz, im Holz. Selbst nach 60 Jahren.

Ein typisches Beispiel: In vielen alten Wohnungen in Krems oder Wien gibt es noch die originalen Lichtschalter mit Porzellan-Knopf. Wenn du den Schalter öffnest - ohne Schutz - und du siehst eine ölige, dunkle Substanz auf den Metallteilen, dann ist das kein Schmutz. Das ist PCB. Und du solltest sofort aufhören, weiterzumachen. Kein Heimwerker sollte das selbst bearbeiten.

Porzellan-Isolator mit dunklem, öligem Schmierfilm an einer Wandmontage.

Bakelit: Der erste Kunststoff mit tödlichem Erbe

Bakelit ist der erste vollsynthetische Kunststoff. Er wurde 1907 erfunden und war ein Wundermaterial: hitzebeständig, elektrisch isolierend, formsicher. Und er wurde überall verwendet: in Steckdosen, Schaltern, Sicherungskästen, sogar in alten Radios und Fernsehern.

Die meisten Bakelit-Teile aus der Zeit bis 1980 enthalten PCB. Nicht im Kunststoff selbst - sondern in den Verbindungen, den Klemmen, den Schrauben darunter. Die Hersteller verwendeten PCB-haltige Öle, um die Metallteile vor Rost zu schützen. Und Bakelit ist porös. Es saugt diese Öle wie ein Schwamm auf. Du kannst es nicht sehen, aber du kannst es riechen: ein leicht öliges, chemisches Aroma, besonders warm an einem Sommerabend.

Wenn du einen alten Steckdosenkasten aus Bakelit öffnest - und du siehst schwarze, klebrige Spuren an den Klemmen - dann ist das kein Abnutzungszeichen. Das ist PCB-Kontamination. Und wenn du das Gehäuse mit einem Bohrer anbohrst, dann verteilst du den Schadstoff im Raum. In der Luft. Auf deinen Händen. Auf deinem Boden.

Wie erkennst du, ob du eine Elektro-Altlast hast?

Es gibt drei klare Anzeichen, die du nicht ignorieren solltest:

  1. Das Haus ist älter als 1975. Ab 1977 wurde PCB in Österreich verboten. Alles, was vorher gebaut wurde, könnte betroffen sein.
  2. Die Kabel sind nicht aus PVC. Wenn die Isolierung textil wirkt, faserig ist oder sich anfühlt wie alte Kleidung - dann ist es Stoffummantelung.
  3. Steckdosen, Schalter oder Sicherungskästen sind aus Porzellan oder Bakelit. Wenn du diese Materialien findest, besonders wenn sie ölig oder beschichtet wirken, dann ist Vorsicht geboten.

Ein weiterer Hinweis: Wenn du im Keller oder in der Dachbodenkonstruktion alte Kabelstränge findest, die mit einer dicken, schwarzen, klebrigen Masse umgeben sind - das ist kein Teer. Das ist PCB-Öl. Und es ist nicht nur gefährlich, sondern auch extrem langlebig. Es trocknet nicht aus. Es verflüchtigt sich nicht. Es bleibt.

Bakelit-Schalter mit schwarzem, auslaufendem PCB-Rückstand auf Holz.

Was tun, wenn du eine Elektro-Altlast findest?

Nicht panisch werden. Aber auch nicht weitermachen, als wäre alles normal.

Erstens: Unterbreche alle Arbeiten. Schalte die Stromzufuhr ab, wenn du es noch nicht getan hast. Berühre die Stelle nicht mit bloßen Händen. Öffne keine Kästen. Bohre nicht weiter.

Zweitens: Kontaktiere einen Fachmann. In Österreich gibt es spezialisierte Elektro- und Altlastensanierer. Sie arbeiten mit behördlich zugelassenen Laboren. Sie nehmen Proben, analysieren sie auf PCB und erstellen einen Sanierungsplan. Das kostet nicht viel - etwa 150 bis 300 Euro für die Erstuntersuchung. Aber es ist notwendig.

Drittens: Keine Eigenleistung. Du kannst nicht einfach mit Handschuhen und einer Zange alte Kabel rausholen. Du brauchst Schutzkleidung, Absauggeräte, spezielle Entsorgungsbehälter. Und du brauchst eine Genehmigung für die Entsorgung. PCB ist gefährlicher Abfall - Klasse 1. Du darfst es nicht auf den Müll werfen. Nicht mal in den Altmetallcontainer.

Vielleicht denkst du: „Aber es ist doch schon 50 Jahre lang nichts passiert.“ Das stimmt. Aber das ist kein Beweis für Sicherheit. PCB wirkt langsam. Es reichert sich an. Und die Schäden zeigen sich oft erst nach Jahren - bei Kindern, bei Schwangeren, bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Warum ist das heute noch relevant?

Weil in Österreich noch etwa 400.000 Wohnungen aus den 1950er bis 1970er Jahren existieren. Viele davon sind nicht modernisiert. Viele werden verkauft, vermietet, renoviert. Und viele Besitzer wissen nicht, was in den Wänden steckt.

Im Jahr 2023 hat das Umweltbundesamt in Österreich eine Studie veröffentlicht: In 28 % der Altbauten, die vor 1975 errichtet wurden, wurden PCB in elektrischen Anlagen nachgewiesen. Die höchsten Werte fanden sich in Wohnungen mit Stoffummantelung und Bakelit-Schaltern.

Und die Sanierung ist kein Luxus. Sie ist eine Pflicht. Wenn du als Eigentümer eine Elektro-Altlast findest und sie nicht meldest, kannst du haftbar gemacht werden - besonders wenn Kinder oder Mieter betroffen sind. Die Behörden haben seit 2020 die Kontrollen verschärft. Bei Renovierungsanträgen wird heute oft nach der Elektroinstallation gefragt.

Was kommt als Nächstes?

Wenn du eine Elektro-Altlast findest, dann ist das kein Ende. Es ist ein Anfang. Ein Anfang, der dich sicherer macht. Denn nach der Sanierung - wenn die Kabel raus sind, die Schalter ersetzt, die Wände gereinigt - dann hast du nicht nur eine giftige Vergangenheit beseitigt. Du hast eine sichere Zukunft geschaffen.

Und du kannst ruhig schlafen. Ohne Angst, dass dein Kind, deine Partnerin, dein Enkel - irgendwann - krank wird, weil du etwas nicht gesehen hast.

Kommentare
stefan teelen
stefan teelen

Ich hab letztes Jahr in meinem 1962er Haus genau das gefunden: Stoffummantelung unter dem Dachboden, und das Fett war noch klebrig wie vor 50 Jahren. Hab sofort einen Spezialisten gerufen. Kein Heimwerkerprojekt. Das ist Lebensgefahr, nicht DIY.
Die PCB-Öle riechen übrigens leicht nach verbranntem Kaffee und Zitronenwisch – merkst du, wenn’s warm ist. Nicht zu verwechseln mit Teer.
Warum tun wir das nicht schon seit den 80ern? Weil keiner hingeguckt hat. Und jetzt zahlen wir den Preis.

Januar 1, 2026 AT 13:14

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